Was uns ein Ocean Race über erfolgreiche Transformation erzählen kann

Am 1. September wird es für mich spannend. Dann startet das Ocean Race Atlantic von New York nach Lorient, und natürlich werde ich besonders verfolgen, wie sich Boris Herrmann und Team Malizia schlagen. Als Segler fasziniert mich dabei nicht nur die Geschwindigkeit dieser Boote. Mich interessiert viel mehr die Frage, warum eine Mannschaft am Ende erfolgreich ist – denn das beste Boot allein wird ein solches Rennen nicht gewinnen.

Eigentlich ist uns das beim Segeln vollkommen klar. Man braucht ein schnelles und zuverlässiges Boot, hervorragende Technik, Wetterdaten und die richtigen Informationen. Aber genauso braucht man Menschen, die auch unter Druck gute Entscheidungen treffen, eine Crew, die sich vertraut, klare Rollen, einen gemeinsamen Kurs und die Fähigkeit, auf etwas zu reagieren, das gestern noch niemand vorhersehen konnte. Und manchmal braucht man vor allem die Ausdauer, nach einem Fehler oder einem Rückschlag weiterzumachen.

Vielleicht sollten wir deshalb häufiger einmal nicht aus der Wirtschaft auf Wirtschaft schauen.

Denn dort versuchen wir erstaunlich oft, Probleme vor allem mit Technik zu lösen. Wir kaufen ein neues ERP, ein PIM oder eine weitere Plattform. Aktuell setzen wir große Hoffnungen auf KI. Und beim Digitalen Produktpass entsteht ebenfalls schnell die Vorstellung, man müsse nur die richtige DPP-Software finden – und dann sei die Aufgabe erledigt.

Als Segler würde wahrscheinlich niemand sagen: Wir haben jetzt das beste Boot gekauft, also werden wir gewinnen. Im Unternehmen scheint uns derselbe Gedanke dagegen gar nicht so absurd vorzukommen.

Vier Perspektiven auf ein und dasselbe Rennen

Genau an dieser Stelle finde ich das Vier-Quadranten-Modell von Ken Wilber interessant. Wilber betrachtet Entwicklungen nicht nur aus einer Perspektive, sondern unterscheidet vereinfacht das Innere und Äußere eines Menschen sowie das Innere und Äußere eines Kollektivs. Daraus entstehen vier Blickwinkel, die sich mit Haltung, Verhalten, Kultur und Strukturen bzw. Systemen beschreiben lassen.

Das klingt zunächst nach Theorie. Auf einem Segelboot wird es plötzlich sehr konkret.

Da ist zunächst die Haltung jedes Einzelnen. Was passiert, wenn nachts auf dem Atlantik etwas schiefläuft, die Wetterprognose nicht mehr passt oder ein technisches Problem entsteht? Gebe ich Verantwortung ab oder suche ich nach einer Lösung? Bleibe ich konzentriert? Vertraue ich meinen Fähigkeiten und denen der anderen? Eine solche Haltung kann man nicht installieren wie eine Software, aber sie beeinflusst jede Entscheidung an Bord.

Aus Haltung muss jedoch Verhalten werden. Die richtige Einstellung nützt wenig, wenn das Manöver zu spät kommt. Die Crew muss beobachten, entscheiden und handeln. Segel werden gewechselt, Wetterdaten ausgewertet, der Kurs wird korrigiert und jeder muss genau dann seine Aufgabe erfüllen, wenn es darauf ankommt. Plötzlich wird aus einem inneren Gedanken etwas Sichtbares – und häufig sogar etwas Messbares.

Genauso wichtig ist die Kultur der Mannschaft. Auf einem solchen Boot kann niemand dauerhaft als Einzelkämpfer gewinnen. Informationen müssen weitergegeben werden, Menschen müssen einander vertrauen und Fehler müssen angesprochen werden können. Jeder bringt andere Fähigkeiten und Erfahrungen mit, aber alle verfolgen dasselbe Ziel. Das ist vielleicht eine der stärksten Lektionen des Segelsports: Individuelle Spitzenleistung ist wichtig, ihren wirklichen Wert entfaltet sie aber erst im Zusammenspiel mit anderen.

Und schließlich braucht all das eine Struktur. Das Boot, die Technik, Sensoren, Navigation, Wetterinformationen, Kommunikationssysteme, Rollen und Prozesse bilden das Umfeld, in dem die Mannschaft arbeiten kann. Auch die beste Crew wird mit einem völlig ungeeigneten Boot kaum ein Ocean Race gewinnen. Umgekehrt macht aber ein hervorragendes Boot aus vier Menschen noch keine hervorragende Mannschaft.

Genau deshalb müssen alle vier Perspektiven zusammenspielen.

Vier Perspektiven für gemeinsamen Erfolg: Strategie, Team, Ressourcen und Ausdauer am Beispiel einer Segelcrew.
Die Grafik überträgt vier Perspektiven erfolgreicher Transformation auf den Segelsport: Strategie bestimmt den Kurs, das Team bildet die Crew, Ressourcen liefern Technik, Daten und Werkzeuge, und Ausdauer steht für Anpassungsfähigkeit und Lernen. Erst ihr Zusammenspiel ermöglicht messbaren gemeinsamen Erfolg.

Vom Ocean Race ins Unternehmen

Für das Bild zu diesem Beitrag habe ich diese vier Perspektiven bewusst in die Sprache des Segelsports übersetzt: Strategie – der Kurs, Team – die Crew, Ressourcen – der Wind und Ausdauer – die See. Das ist nicht Wilbers ursprüngliche Benennung seiner Quadranten, sondern meine Übertragung auf ein Rennen.

Strategie bedeutet, den Kurs zu kennen und ihn trotzdem immer wieder anhand neuer Informationen zu überprüfen. Team bedeutet Vertrauen, Zusammenarbeit und klare Rollen. Ressourcen sind das Boot, die Technik, das Material und heute natürlich vor allem auch Daten. Und Ausdauer bedeutet, mit Veränderungen und Rückschlägen umgehen zu können, aus Fehlern zu lernen und trotzdem das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren.

Und jetzt stellen wir dieses Boot gedanklich einmal in ein Unternehmen.

Dort erleben wir häufig genau die umgekehrte Reihenfolge. Zuerst wird über ein neues System gesprochen. Dann über die Einführung. Dann über Schnittstellen. Irgendwann stellt man fest, dass Informationen fehlen, Verantwortlichkeiten nicht eindeutig sind oder ein Prozess über Jahre aus immer mehr manuellen Zwischenschritten entstanden ist. Trotzdem kommt irgendwann die nächste Software hinzu.

Bei KI wird dieses Problem gerade besonders sichtbar. Wenn Produktinformationen in verschiedenen Systemen, Excel-Tabellen, Dokumentationen, E-Mails und Köpfen verteilt sind, wird eine KI daraus nicht automatisch eine klare Informationslandschaft machen. Im schlechtesten Fall haben wir anschließend dasselbe Datenchaos – nur jetzt zusätzlich mit KI.

Deshalb gefällt mir das Bild vom Segeln so gut. Technik ist enorm wichtig, aber Technik ist eben nicht die ganze Mannschaft.

Muss deshalb gleich das ganze Unternehmen transformiert werden?

Nein. Und genau an diesem Punkt wird mir die Diskussion über Transformation manchmal zu theoretisch.

Ein Unternehmen muss nicht zuerst seine gesamte Kultur verändern, bevor es einen Prozess verbessern darf. Es muss auch nicht jahrelang über Haltung und Mindset diskutieren. Vielleicht genügt für den Anfang ein ganz konkreter Zeitfresser: ein Prozess, bei dem Mitarbeiter ständig Informationen suchen, Daten mehrfach übertragen oder Dokumente manuell zusammenstellen.

Dann können wir sehr praktisch aus den vier Perspektiven darauf schauen. Wissen wir eigentlich genau, was besser werden soll? Verhalten und Prozess – passen sie zu diesem Ziel? Funktioniert die Zusammenarbeit zwischen den beteiligten Bereichen? Und geben unsere Daten und Systeme den Menschen überhaupt die Möglichkeit, effizient zu arbeiten?

Vielleicht liegt das Problem nur in einem dieser Bereiche. Vielleicht in mehreren. Entscheidend ist, dass wir nicht reflexartig wieder bei der Software anfangen, sondern dort, wo der tatsächliche Engpass liegt. Anschließend lässt sich auch messen, ob Suchzeiten sinken, weniger manuelle Schritte notwendig sind, Informationen zuverlässiger werden oder Entscheidungen schneller getroffen werden können.

Dann wird Transformation plötzlich sehr konkret.

Und was hat das mit dem Digitalen Produktpass zu tun?

Mehr, als man zunächst vermuten könnte – und gleichzeitig ist der Digitale Produktpass nur ein Beispiel.

Wenn ein Unternehmen einen DPP umsetzen möchte, tauchen sehr schnell Fragen auf, die weit über den Pass hinausgehen. Welche Produktdaten besitzen wir überhaupt? Wo liegen sie? Wer verantwortet sie? Sind Materialien und Komponenten eindeutig beschrieben? Wie bekommen wir Informationen von Lieferanten? Welche Daten existieren bereits in ERP, PIM, PLM oder Technischer Kommunikation, und warum werden manche davon trotzdem noch manuell zusammengesucht?

Wenn wir diese Fragen sauber beantworten, entsteht nicht nur die Grundlage für einen Digitalen Produktpass. Dieselben Daten können Service, Nachhaltigkeit, Compliance, Technische Kommunikation, Automatisierung und schließlich auch KI verbessern.

Deshalb interessiert mich inzwischen viel mehr die Datenklarheit hinter dem DPP als der Pass allein.

Vielleicht ist das größer als Digitalisierung

Je länger ich darüber nachdenke, desto interessanter finde ich Wilbers vier Perspektiven auch außerhalb von Unternehmen.

In einer Schule reicht hervorragendes Unterrichtsmaterial allein nicht aus. Es braucht neugierige Schüler, entsprechendes Verhalten, eine Gemeinschaft, in der Lernen möglich ist, und Strukturen, die dabei unterstützen. In der Kommunikation genügt eine gute Botschaft nicht, wenn Menschen einander nicht vertrauen oder die richtigen Informationswege fehlen. In Vereinen, Familien oder politischen Organisationen finden wir dieselben Zusammenhänge.

Vielleicht ist das die eigentliche Erkenntnis: Wir versuchen komplexe Probleme gerne mit einer einzelnen Maßnahme zu lösen, obwohl Erfolg meistens aus dem Zusammenspiel mehrerer Perspektiven entsteht.

Auf einem Segelboot sieht man das nur viel schneller.

Der Wind kann perfekt sein. Wenn der Kurs falsch ist, hilft er wenig. Der Kurs kann stimmen. Wenn die Crew nicht funktioniert, verlieren wir trotzdem. Das Boot kann hervorragend sein. Wenn niemand aus den verfügbaren Informationen die richtige Entscheidung ableitet, bleibt seine technische Leistungsfähigkeit ungenutzt.

Und wenn alles zusammenspielt, passiert etwas Faszinierendes: Plötzlich wird aus vielen einzelnen Kräften Geschwindigkeit in eine gemeinsame Richtung.

Ein kleiner Spoiler

Genau diese Gedanken beschäftigen uns gerade auch bei einem eigenen neuen Business. Mit unserem Smart AI-Hub wollen wir nicht einfach die nächste KI auf vorhandene Informationen setzen. Auch dort müssen Menschen, Prozesse, Wissen, Daten, Semantik und Technik zusammenspielen. Wie wir diese Idee konkret umsetzen und was wir dabei selbst lernen, werde ich in den nächsten Wochen erzählen.

Und dann hatte ich noch behauptet, beim Ocean Race irgendwie selbst dabei zu sein.

Das war nicht ganz gelogen. 😉

Ich werde nicht neben Boris Herrmann auf der Malizia sitzen – ich segle virtuell mit. So kann ich mich mit denselben Wetterentwicklungen und strategischen Entscheidungen beschäftigen und zumindest am Bildschirm erleben, wie schwierig es ist, den richtigen Kurs über den Atlantik zu finden.

Wer wissen möchte, wie das funktioniert oder vielleicht sogar selbst mitsegeln möchte, kann mir gerne schreiben. Ich stelle es Euch vor.

Denn vielleicht wird aus dieser Geschichte am Ende noch etwas viel Spannenderes als ein virtuelles Segelrennen.

Gemeinsam Kurs halten. Gemeinsam lernen. Und vielleicht sogar gemeinsam gewinnen. ⛵

Ist die Zukunft – JETZT?

8. Juni „JETZT ist die Zeit“ mir scheint, man sagt diese Worte immer öfters. Meine Neugier, meine Freude, aber auch die Nervösität wachsen eben, denn ich bin zu einer Podiumsdiskussion eingeladen und bereite mich eben vor. Das Wort „JETZT“ unterstreicht vielleicht die Dringlichkeit einer Handlung. Angesichts der vielen Herausforderungen, vor denen wir stehen, wie z. B. der Klimawandel, soziale Ungerechtigkeit oder technologische Entwicklungen in der Digitalisierung, kann die Betonung der Dringlichkeit dazu dienen, Menschen zum Handeln zu motivieren.

Der gegenwärtige Moment bietet eine besondere Chance und ein großes Potenzial über Veränderungen zu diskutieren. Wir Menschen sind in der Lage, positive Veränderungen herbeizuführen und die Zukunft aktiv zu gestalten, ob in der Familie, in der Gesellschaft, in der Wirtschaft oder in der Bildung. Dies kann dazu ermutigen, Möglichkeiten zu erkennen und zu nutzen, die sich im gegenwärtigen Moment bieten. Immer mehr Menschen erkennen, dass Veränderungen notwendig sind, sei es auf individueller, gesellschaftlicher oder globaler Ebene. Die Aussage kann als Aufforderung dienen, dass wir unsere Denkweise, Werte und Handlungen überdenken und uns für positive Veränderungen engagieren sollten.

Eine philosophische Perspektive ist die Betrachtung der Zeit als kontinuierlichen Fluss. In diesem Zusammenhang könnte man argumentieren, dass die Zukunft, sobald sie eingetreten ist, Teil der Gegenwart wird. Die Zukunft ist demnach eine kontinuierliche Entfaltung von Ereignissen, die ständig in die Gegenwart übergehen. Gemäß dieser Auffassung wäre die Zukunft tatsächlich ein integraler Bestandteil des JETZT.


Das Bild oben von zwei Seglern (Anna Burnet und John Gimson, 12. Sept 2020*) als Team im Rennen betont die Bedeutung von Zusammenarbeit und Teamwork, um gemeinsam Ziele zu erreichen. In der Schule, in der Gesellschaft und in der Wirtschaft ist Zusammenarbeit oft entscheidend für den Erfolg. Wir können uns ermutigen, dass wir zusammenarbeiten, Ideen austauschen und voneinander lernen, um eine bessere Zukunft zu gestalten. Gleichzeitig ist ein Wettbewerb, eine Regatta auch Ansporn, Fähigkeiten zu entwickeln und uns den Herausforderungen, die sich ständig ändern können zu stellen. Wir sollten flexibel und anpassungsfähig sein.

Beim Segeln müssen die Seglerinnen und Segler ihre Strategien an die wechselnden Bedingungen anpassen, um voranzukommen. In ähnlicher Weise sollten wir uns in der Schule und in der Zukunft auf Veränderungen einstellen, neue Wege finden und uns den Herausforderungen anpassen, um erfolgreich zu sein. Wir setzen uns Ziele, um eine Vision für die Zukunft zu haben. Segler haben ein klares Ziel vor Augen und arbeiten hart daran, es zu erreichen.

Bildungsgerechtigkeit | Wie wird Bildung zeitgemäß?

Eines Tages erhielt ich eine Einladung, auf dem Kirchentag an einer Podiumsdiskussion zum Thema Bildungsgerechtigkeit teilzunehmen. Nachdem ich kurz darüber nachgedacht hatte, entschied ich mich, zuzusagen. Es gibt eine Reihe von Erkenntnissen, die mich schon seit einiger Zeit in meinem Engagement begleiten, und ich möchte dazu beitragen, dass diese Themen besser verstanden und öffentlich diskutiert werden. Gemeinsam können wir die anstehende Transformation wirklich bewältigen.

Seit vielen Jahren wissen wir eigentlich, was zu tun ist. Das eigentliche Problem liegt nicht in mangelnder Erkenntnis, sondern in der Umsetzung. Deshalb hat mich die Formulierung „Jetzt ist die Zeit“ sofort begeistert, denn JETZT ist es an der Zeit, aktiv zu werden.

Als Symbol für diese Haltung ließ ich ChatGPT bzw. DALL-E 2 ein Bild erstellen, das den FREI DAY von Schule im Aufbruch und das Logo des Kirchentags kombiniert. Ich finde, das Ergebnis ist sehr gelungen.

Bild: „Jetzt ist die Zeit“ und der FREI DAY von Schule im Aufbruch von künstlicher Intelligenz erzeugt (Mai 2023)

Erkenntnisse und Themen

Bildung nachhaltiger Entwicklung (BNE) hat eine große Bedeutung für die Gesellschaft und Wirtschaft, da sie darauf abzielt, Wissen, Fähigkeiten, Werte und Einstellungen zu fördern, die zu einer nachhaltigen Entwicklung beitragen.

Die Agenda 2030 mit den 17 Nachhaltigkeitszielen (SDGs) ist der Versuch, einen Boxenstopp zu beschreiben auf dem Weg zu einer nachhaltigen Welt. Die Ziele geben uns aber keinen Hinweis darauf, welche Strategien und Lösungswege wir einschlagen können. Das alles liegt in der Gestaltungskraft unserer Gesellschaft.

Unsere Schülerinnen und Schüler werden Berufe ausüben, die heute noch nicht existieren und Werkzeuge benutzen, die noch nicht erfunden sind. Ihr Erfolg wird darauf bauen, Zusammenhänge zu verstehen, vorhandenes Global-Wissen möglichst schnell aufzufinden, mit Widersprüchen umzugehen, und mit Hilfe innerer Stärken und Talente, gemeinsam mit ihren Mitmenschen transformative Lösungen zu entwerfen.

Eine Bildung für nachhaltige Entwicklung ist kein weiteres Unterrichtsfach. Sie ist vielmehr eine Einladung, oder gar Aufforderung an unsere Bildungseinrichtungen – insbesondere für Schulen – BNE als neues Bildungsprinzip zu verstehen.

Die Lern-Kulturen in unseren Schulen benötigen folglich einen Fokus auf vernetztes Wissen, Denken und Handeln. Die Lern-Themen müssen für die Lernenden eine Relevanz haben.
Eigenverantwortung für den eigenen Lernprozess kommt einher mit Selbst- und Mitbestimmung im Unterricht. Mut und Kreativität kommen mit Freiräumen und Fehlertoleranz.

Eine Transformation der Lern- und Schulkulturen im Sinne einer BNE, wie es u.a. die Roadmap BNE2030 der UNESCO formuliert, verlangt jedoch viel mehr als nur Informationsvermittlung in Form von Fortbildungen und neuen Unterrichtsmaterialien. Ein Wandel in diesem Sinne benötigt ausreichend Freiräume sowie veränderte Haltungen und Kulturen der handelnden Menschen in Schulen, Schulverwaltung und -Behörden. Schule muss offener werden. Daher ist eine Vernetzung auf kommunaler Ebene mit anderen Schulen, Verwaltung, Gemeinden und Städten, außerschulischen Bildungsakteuren und auch mit der Wirtschaft ein wesentlicher Baustein für eine erfolgreiche Umsetzung einer BNE in der Breite.

BNE zielt darauf ab unseren Lernenden transformative Bildungsprozesse zu ermöglichen. Eine flächendeckende Umsetzung in allen unseren Schulen und Bildungsbereichen verlangt daher eine transformative Entwicklungslogik. BNE ist eine Aufforderung, Schule neu zu denken und zu gestalten – einen Whole School Approach.

Bild Whole School Approach
Bild: Whole School Approach von Schwarz, Limmer, Lindau (KU Eichstätt, 2022 in Kooperation mit Schule im Aufbruch)

Wie ist der Zustand der Bildung?

Auf diese Frage erhielten wir eine Vielzahl unterschiedlicher Antworten von den Teilnehmern des Podiums: Prof. Dr. Aladin El-Mafaalani (Migrationsforscher), Katharina Swinka (ehemalige Generalsekretärin der Bundesschülerkonferenz), Cornelia Trinkl (Stadträtin, Referentin für Schule und Sport, Nürnberg) und Georg Eck (Schule-im Aufbruch, Region Franken):

„Das Bildungssystem legt einen zu starken Fokus auf kognitive Bildung, während Co-Kreativität und Verantwortung aufgrund von Stress und Leistungsdruck vernachlässigt werden. Dadurch entsteht eine stark extrinsische Kultur, die niemandem guttut: weder den Schülerinnen und Schülern, die später in den Beruf gehen, noch den Familien oder den Lehrkräften, noch unserer offenen, demokratischen Gesellschaft und am wenigsten unserem gemeinsamen Planeten.

Die Angst vor Versagen und Zukunftsängste nehmen zu (siehe Ausgabe von chrismon Mai 2023 oder den Film „Bildungsgang„) und verhindern ein tieferes Verständnis komplexer Zusammenhänge, empathisches Denken und den Glauben an die eigene Wirksamkeit und das Potenzial, etwas bewirken zu können.“

In Deutschland ist es nach wie vor deutlich sichtbar, welcher Familie Kinder angehören. „Der schulische und berufliche Erfolg hängt vor allem davon ab, inwieweit das familiäre Umfeld ökonomische, kulturelle und soziale Unterstützung bieten kann,“ wie der Soziologe Aladin El-Mafaalani feststellt (Quelle: Deutschlandfunk 1. Mai 2021).

Allerdings ist die Abbrecherquote in deutschen Familien mit 4,6 % hoch, während sie bei Familien mit Migrationshintergrund bei 13,4 % liegt.

„Wir benötigen eine radikale Veränderung der Bildung, auch in der Lehrerinnen- und Lehrerausbildung, denn mit einer Kultur von Erfüllergeist und Fehlerangst ist keine gute Zukunft zu bauen.

Übrigens können wir einen Zusammenhang zwischen Burnout, Angst und Depression bei Erwachsenen und unserem Schulsystem erkennen, denn wir sprechen über Leistungsgesellschaft, aber übersehen, wer Leistung will muss Sinn und Beziehung anbieten. Ohne sie werden wir krank,“ sagt Margret Rasfeld in einem Interview (Quelle: Nürnberger Nachrichten, April 2023).

Zusammenfassung Podiumsdiskussion

Jetzt ist die Zeit: Wie wird Bildung zeitgemäß?
[Hier] geht es zum Beitrag von Schule im Aufbruch.


„Jetzt ist die Zeit“ kann Menschen ermächtigen und sie dazu ermutigen, selbst aktiv zu werden und Veränderungen anzugehen. Es erinnert daran, dass wir nicht passiv auf Ereignisse warten sollten, sondern dass wir die Fähigkeit haben, Einfluss zu nehmen und die Welt um uns herum zu gestalten. Diese Art von Botschaft kann Menschen dazu inspirieren, ihr eigenes Potenzial zu erkennen und ihre Handlungen in die eigene Hand zu nehmen.


*) Bildquelle Veröffentlichung zur 126-ten Kieler Woche: Nacra 17 Rennen. Anna Burnet und John Gimson wurden Zweiter am 12. Sep 2020.